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Forschung

Raum für Normalität im Krankenhaus

Die Architekturpsychologin Tanja C. Vollmer entwickelt ein Konzept, das die Genesung unterstützen soll

Tanja C. Vollmer
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„Sollten bei dem Thema heilende Architektur Checklisten auftauchen, dann nehmen Sie diese und werfen Sie sie weg. Sie sind der falsche Weg.“ Und während Tanja C. Vollmer dies sagt, sieht man sie förmlich, wie sie solche Listen fröhlich in die Luft wirft. Sie kann solche Aussagen machen. Die Psychologin, die an der Harvard Medical School in den USA forschte und sechs Jahre wissenschaftliche Leiterin am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München war, beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema der heilenden Architektur. Diese geht davon aus, dass entsprechend gestaltete Gebäude und Räume den Genesungsprozess unterstützen. Ihr Buch „Die Erkrankung des Raums“ gehört mittlerweile zu den Standardwerken der modernen Architekturpsychologie.

Seit Mai dieses Jahres lehrt sie am Institut für Architektur Architekturpsychologie. Das Besondere ihrer Gastprofessur ist, dass sie den Studierenden nicht nur theoretisches Wissen vermittelt, sondern dass dieses Wissen explizit in konkrete Entwurfsaufgaben einfließt. „Die Verbindung von Architekturpsychologie und Entwurfslehre ist europaweit einmalig. Damit setzt die TU Berlin Maßstäbe. Denn normalerweise kommt die Psychologie in der Architekturausbildung an den Universitäten allenfalls in der Architekturtheorie zu Wort“, so Vollmer, „aber wenn das Wissen keine praktische Relevanz erfährt vor allem in der Erprobung, dann bleibt es graue Theorie.“

Sie selbst kann auf einen enormen praktischen Fundus zurückgreifen. Unter anderem ist sie mit ihrem Büro Kopvol architecture & psychology in den Neubau der Kinder- und Jugendklinik am Universitätsklinikum Freiburg in Baden-Württemberg involviert, ein Projekt, das in Deutschland bislang einzigartig ist, weil hier erstmalig der neueste Wissensstand zu heilender Architektur umgesetzt wird. „Und das bedeutet eben kein Abarbeiten von Checklisten, die nur einzelne Aspekte betrachten, sondern intensive Gespräche und Workshops mit Ärzten, Pflegenden, Pädagogen, Psychologen, Physiotherapeuten und natürlich Kindern/Jugendlichen und Eltern, um zu erarbeiten und zu erforschen, was ihnen wichtig ist. Die Nutzer wurden also konsequent in die Planungen einbezogen, und das, bevor der Architekt überhaupt einen ersten Entwurf vorgelegt hat. „Das spart auf allen Seiten enorm viel Energie und Zeit und liefert die besten Resultate. Wir sprechen hier von Nutzerorientierung und evidenz-basiertem Design“, so Vollmer.

Seit den 1980er Jahren dürfen Eltern in den Kinderkliniken bei ihren Kindern übernachten. Die Krankenhausarchitektur hat auf diese Situation jedoch nie reagiert. Bei schweren Erkrankungen leben die Familien dann über lange Zeiträume auf engstem Raum, ohne die Möglichkeit des Rückzugs. Zwei Jahre hat Tanja C. Vollmer an deutschen und niederländischen Kinderkliniken wissenschaftlich untersucht, wie sich das auf das kranke Kind, den Jugendlichen und die Eltern auswirkt. „Wir konnten nachweisen, dass diese bedrückende Enge bei den Eltern zu Überlastung bis hin zum Burnout und erhöhten Scheidungsraten führt. Geschwisterkinder werden vernachlässigt und bei den kranken Kindern/Jugendlichen treten Störungen der sozialen und emotionalen Entwicklung auf.“

Krankenhaus der Zukunft: Der geplante REN-Cluster soll Eltern und ihren kranken Kindern erlauben, so viel Alltag wie mögich zu leben
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2013 wurde Tanja C. Vollmer vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg beauftragt, ein Konzept sozusagen als Gegenmittel gegen diese Befunde zu entwickeln. Herausgekommen ist unter anderem ein REN-Cluster. Hinter den drei Buchstaben verbirgt sich Raum für Entwicklung und Normalität. Anliegen des Clusters ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, die es den Familien trotz des belastenden Ausnahmezustandes ermöglicht, so etwas wie einen Familienalltag im Krankenhaus zu leben.

Der REN-Cluster wird im Zentrum mehrerer Krankenstationen liegen, diese miteinander verbinden und räumlich klar strukturiert sein – unter anderem in einen Spielbereich für die Kleinen und speziell gestaltete Räume für Jugendliche und junge Erwachsene. Der Spielbereich wird „umarmt“ von den Räumen für die Eltern mit Küche, Waschraum, Bibliothek und Rückzugsraum fürs Arbeiten und Ausruhen sowie von der anderen Seite von Therapie-, Sport- und Lernbereichen für die Bewegung und Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. „Der Bereich für die Eltern soll ihnen die Möglichkeit geben, ihre Kinder immer im Blick zu haben. Denn unsere Untersuchungen zeigten, dass Eltern sich von ihren kranken Kindern nur ungern entfernen. Gleichzeitig müssen sie die Option haben, auch andere Dinge ihres Lebens noch organisieren und sich entspannen zu können“, sagt Vollmer.

So klein der REN-Cluster auch scheint, er wird große Wirkung haben: „Er legt den Grundstein für eine neue Krankenhaustypologie und wird das Arbeiten und Verbleiben im Krankenhaus grundlegend ändern“, so Vollmer.

Nach der Eröffnung des neuen Freiburger Kinder- und Jugendklinikums 2020 wird Tanja C. Vollmer untersuchen, ob der REN-Cluster auch erfüllt, was sie sich mit ihm erhofft – die Genesung von Patienten zu unterstützen und die Gesundheit der Eltern zu erhalten.

sn, "TU intern" Oktober 2016

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