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TU Berlin

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Standpunkte

Denkmalpflege statt Attrappenkult

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Warum wir auf "authentische" Rekonstruktionen verlorener Baudenkmäler verzichten sollten

Von Adrian von Buttlar

Entwurf des Wettbewerbssiegers Franco Stella
Erbittert wurde die Debatte um den Abriss des Palastes der Republik und die an seiner Stelle geplante Simulation des Berliner Stadtschlosses geführt. Im Bild der Entwurf des Wettbewerbssiegers Franco Stella
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Rekonstruktionen von Baudenkmälern, die im Zweiten Weltkrieg zerstört und dann im Zuge des Wiederaufbaus aus ideologischen, ökonomischen oder städtebaulichen Gründen gänzlich "entsorgt" worden waren, haben Konjunktur. In Braunschweig, Berlin, Dresden, Potsdam, Hildesheim oder Frankfurt kehrten und kehren ganze oder halbe Schlösser, Kirchen, Kirchtürme und Bauakademien oder Renaissancefassaden und barocke Altstadtquartiere zurück. Der Streit um den rechten Weg, an Vergessenes zu erinnern, Verlorenes "zurückzugewinnen", "Wunden zu heilen" oder im Namen von Geschichte "Identität" stiften zu wollen, entzweit nicht nur die Fachwelt, sondern die Nation. Denn die erbittert geführte Debatte um den Abriss des Palastes der Republik und die an seiner Stelle geplante Simulation des Berliner Stadtschlosses fokussiert nur die Spitze eines Eisbergs brandneuer Denkmalattrappen, die einen gefährlichen Paradigmenwechsel unseres kulturellen Selbstverständnisses signalisieren. Ähnlich wie im berühmten Universalienstreit des Mittelalters geht es auch hier nicht um ein weltfremdes Glasperlenspiel, sondern um eine handfeste intellektuelle Neuordnung der Welt mit allen Konsequenzen. Umso alarmierender, dass es Politikern, Bürgerinitiativen und Managern im Dienste von Geschichtspolitik, antimoderner Retrokultur und kommerzialisiertem Stadtmarketing gelungen zu sein scheint, die Rekonstruktionsdebatte als müßigen Prinzipienstreit unter Denkmalpflegern abzutun; sogar Fachkollegen wie die Initiatoren der beeindruckenden Münchner Ausstellung "Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte" in diesem Jahr setzen sich mit eindeutigen Axiomen und durch entsprechende Begriffs- und Bildverwendung an die Spitze des Mainstreams, indem sie das aktuelle, höchst spezifische Phänomen der allgemeinen Tradition des Reparierens und Wiederaufbauens so einverleiben, dass es gleichsam zu einer anthropologischen Konstante erklärt wird: Endlich – jubelte die Presse – dürfen wir ohne Scham und schlechtes Gewissen alles, was uns wichtig, lieb und teuer erscheint, aus dem historischen Jenseits ins Stadtbild zurückholen.

Denkmalpflege versus Rekonstruktion

Die Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau, 1994 bis 1999 als "Gegenbau" zu Josef Stalins "Palast der Sowjets" wiedererrichtet
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Warum also noch hinter gefälschte Bilder blicken, wenn sie doch im Dienste von nationaler oder regionaler Geschichtspolitik, Kommerz und Wellness der tiefen Sehnsucht nach "Identität" entgegenkommen? Die Antwort ist komplex: Rekonstruktionen unterminieren den klassischen Auftrag der Denkmalpflege, Baudenkmäler in ihrer materiellen Überlieferung als Zeugnisse der Geschichte zu erhalten und auf diese Weise möglichst "authentisch" an kommende Generationen weiterzugeben. Rekonstruktionen lassen im wahrsten Sinne des Wortes die auf den ersten Blick oft unscheinbarer wirkenden originalen Relikte der Geschichte „alt aussehen“, graben der Denkmalerhaltung dringend benötigte Aufmerksamkeit und finanzielle Ressourcen ab und korrumpieren Wahrnehmung und kritisches Geschichtsverständnis.

Idee und Auftrag der Denkmalpflege hatten sich – wenn man von vorausgehenden Einzelmaßnahmen absieht – im Zuge der Aufklärung und des damit verbundenen Geschichts- und Nationalbewusstseins seit dem 18. Jahrhundert entwickelt. Von kulturell engagierten Fürsten ging die Initiative bald auf gelehrte Gesellschaften und bürgerliche Vereine über. In Preußen gelang es Karl Friedrich Schinkel nach den Befreiungskriegen, Denkmalpflege als staatlichen Auftrag und als behördliche Institution – in Gestalt eines fachkundigen Landeskonservators – zu etablieren. Damit wurden, wie Franz Kugler seinerzeit schrieb, dem Enthusiasmus der Denkmalfreunde und der Willkür der Architekten durch wissenschaftliche Grundlagen und staatliche Autorität Grenzen gesetzt. Quellenforschung und Bestandsanalyse ermöglichen seither die fachkundige Reparatur und sachgerechte Erhaltung wertvoller historischer Bauwerke, die durch Verfall, Fehlnutzung oder Druck des Immobilienmarktes gefährdet sind. Selbstverständlich war die Institution Denkmalpflege nie völlig unpolitisch, da sie an der Konstruktion eines Geschichtsbildes mitwirkte. Auch beschränkten sich die Denkmalpfleger des 19. Jahrhunderts keineswegs auf bloße Erhaltungsmaßnahmen, sondern entwickelten mit Hilfe der aufblühenden Kunstgeschichtswissenschaft und Kunsttechnologie bald so extensive Methoden des Restaurierens, dass Werke früherer Epochen bis zur Unkenntlichkeit "stilbereinigt", vervollständigt und im sprichwörtlichen "neuen Glanz" wiederauferstanden – dank gelehrter Spekulation und Intuition.

Gegen solche verfälschenden Nachempfindungen richtete sich die Forderung "Konservieren, nicht Restaurieren", die der Kunsthistoriker Georg Dehio um 1900 im Zuge des Streites um den geplanten Wiederaufbau des (zweihundert Jahre zuvor!) von den Franzosen zerstörten Heidelberger Schlosses zur Basis der modernen wissenschaftlichen Denkmalpflege machte – ein Grundsatz, der dann in der Denkmalpflege-Charta von Venedig (1964) fortgeschrieben wurde. Dehio konnte an den Romantiker John Ruskin, den Vater der englischen Denkmalpflege, anknüpfen, der in seinen ethischen Forderungen an die Baukultur – den "Seven Lamps of Architecture" (Die sieben Leuchter der Baukunst) – schon 1849 den Restauratoren und Rekonstrukteuren ins Stammbuch geschrieben hatte: "Weder vom Publikum noch von denen, deren Obhut die öffentlichen Baudenkmäler anvertraut sind, wird die wahre Bedeutung des Wortes ,Wiederherstellung‘ (restoration) verstanden. Es bedeutet die vollständigste Zerstörung, die ein Bauwerk erleiden kann; eine Zerstörung, aus der keine Überreste mehr zu bergen sind; in Verbindung mit einer falschen Beschreibung des Zerstörten […]. Täuschen wir uns nicht über diesen wichtigen Punkt: Es ist ganz unmöglich, so unmöglich, wie die Toten zu erwecken, irgendetwas wiederherzustellen, das jemals groß oder schön in der Baukunst gewesen ist […]. Ein anderer Geist mag durch eine andere Zeit gegeben werden, und dann ist es ein neues Gebäude …"

Paradigmenwechsel – das virtuelle Denkmal

Bei aller Vielfalt der Maßnahmen, die die Denkmalpfleger in den letzten hundert Jahren im Umgang mit Baudenkmälern praktizierten, blieb ein Grundsatz unumstößlich, nämlich dass es bei einem Denkmal um eine "Sache aus anderer Zeit" geht, die es aus geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen oder wissenschaftlichen Gründen zu erhalten gilt. Denn gerade darin liegt ja der einzigartige Zeugniswert des Denkmals, das als historisches Dokument zwar unterschiedlich gedeutet werden kann, als materielle Überlieferung aber unersetzlich bleibt: als authentische Quelle ferner Zeit und nicht zuletzt auch seiner eigenen Geschichtlichkeit. Das Motto des Internationalen Denkmalschutzjahres 1975 – "Eine Zukunft für unsere Vergangenheit" – formulierte noch den unmissverständlichen Auftrag, wertvolle historische Substanz in die Zukunft zu retten. Heute hat sich dieses Motto offenbar in sein Gegenteil verkehrt, nämlich in die Forderung: "Eine (passende) Vergangenheit für unsere Zukunft"! Aufgefordert wird nun zu einer unverblümten Geschichtskonstruktion aus dem potenziell unendlichen Fundus möglicher Denkmalwünsche. Welche und wessen Vergangenheit darf’s denn heute sein?

Die Rekonstruktion gänzlich untergegangener Baudenkmäler rekurriert auf ein neues, durch die digitale Revolution befördertes, zweifellos defizitäres Wirklichkeitsverständnis im Sinne der oft beschworenen Wende zur Bild-Dominanz ("iconic turn"). Das virtuelle Denkmal existiert nur noch im Kopf – als Erinnerung –, als Bild oder mehr oder minder fragmentarischer Datensatz (gespeichert in sekundären Quellen wie Plan, Ansicht, Fotografie, Bauakte und Beschreibung). Um es wieder ins Leben zu "beamen" (wozu heute ungeahnte technologische Möglichkeiten zur Verfügung stehen), verdrängt die Rekonstruktionslobby die Materialität des Kunstwerks zugunsten einer fiktiven, rein künstlerischen "Idee". In ihrer Argumentation wird der Bauplan dann schnell zur "Partitur", nach der sich ein historisches Bauwerk bei Verlust jederzeit wieder neu aufführen lasse wie eine Sinfonie im Konzertsaal. Die Musikwissenschaftler haben diesen schiefen Vergleich längst zurückgewiesen, da die Musik eine performative Kunst ist, zu der es (selbst bei Verwendung von historischen Instrumenten) statt eines "Originals" nur divergente Interpretationen geben kann. Das Baudenkmal hingegen beansprucht als jeweils singuläres Monument materielle Dauer, und oft genug ist der gegen Zeit und Vergänglichkeit gerichtete Ewigkeitsanspruch in seiner Gestaltung thematisiert.

Die oft über Jahrzehnte mühsam gewordene und wieder gealterte materielle Gestalt eines Baudenkmals ist das größtmögliche Versprechen seiner "Echtheit" und "Authentizität". Umso schlimmer, wenn diese Erwartungen des Rezipienten mit allen Mitteln der Täuschung – bis hin zur künstlichen Patina – betrogen werden. Nach den Forderungen der UNESCO-Konferenz über "Authentizität" im japanischen Nara (1994), die eigentlich den Rekonstruktionsboom durch rigide Vorgaben eindämmen wollte, soll durch originalgetreue Formen, Materialien und Bearbeitungstechniken ein täuschend ähnliches Faksimile entstehen, dem jedoch als Neubau die wichtigste aller Denkmaleigenschaften, seine immanente Geschichtlichkeit, fehlt. Und auch ein zweites, kulturgeschichtliches Argument – das oft bemühte Vorbild der zyklischen Erneuerung der heiligen Ise-Schreine in Fernost – trifft nicht ins Schwarze. Dieser Erneuerungsritus steht in einem lebendigen religiösen Kontext, während unsere europäische Denkmaltradition aus dem Prozess der Aufklärung, Säkularisierung und Historisierung hervorgegangen ist, die unser unverzichtbares kulturelles Selbstverständnis ausmachen.

Anti-Moderne

Intelligentes Zitat als Erinnerungsarchitektur: Potsdam, Am Neuen Markt
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Rekonstruktionen werden im Namen der Geschichte durchgesetzt und gelten ihren Vorkämpfern als Ausdruck des einzig wahren Geschichtsbewusstseins, das sich endlich anschickt, die durch die Verbrechen des Nationalsozialismus und die "Sünden der Moderne" gestörte Beziehung zur nationalen oder regionalen Vergangenheit zu überwinden. Ihre Befürworter glauben, "gleichsam gefallene Maschen im Strickmuster des deutschen Geschichtsbildes aufnehmen zu können" (Johannes Habich). Als Vorbild wird dabei gern auf Polen verwiesen und verschwiegen, dass der polnische Generalkonservator Jan Zachwatowicz nach dem Kriege von einer "Tragödie der denkmalpflegerischen Fälschung" sprach, als er angesichts der zerstörten Altstädte von Warschau und Danzig deren Wiederaufbau als Erinnerungsbild für unverzichtbar erklärte, um die Symbole nationaler Identität nicht gänzlich preiszugeben. Ob und wann aber ein solcher Sondertatbestand tatsächlich vorliegt, muss stets sehr sorgfältig geprüft und ausgehandelt werden. Der denkmaltheoretisch umstrittene Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche kann aufgrund seiner eigenen, komplexen Motivation und langen historischen Entwicklungsgeschichte am ehesten einen solchen Sonderstatus beanspruchen. Allzu durchschaubar aber bleibt die ideologische Revision der Geschichte bei der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses als Gegenbau zum abgerissenen Palast der Republik, der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale als Gegenbau zum nie vollendeten Sowjet-Palast oder beim Vorschlag, das durch die kommunistische Kommune 1871 zerstörte Pariser Tuilerien-Schloss wieder aufzubauen.
Auch wo das Argument der "Heilung der Wunden" weniger auf Identitätskonstruktion und Geschichtspolitik als auf städtebauliche Therapien zielt, darf nicht verdrängt werden, dass die als Allheilmittel propagierte "Rekonstruktion der historischen Stadtgrundrisse" und eines (von wem und wann fixierten?) "historischen Stadtbildes" nicht nur die von den Planern herbeigesehnte "Verdichtung" und "Urbanisierung" bedeutet. Vielmehr wird mit dem Wunsch nach "Rückgewinnung" – etwa der Strukturen der Berliner Altstadt auf dem Gelände des einstigen Marx-Engels-Forums zwischen Spree und Fernsehturm – ein diffuses vormodernes Leitbild eingefordert, das die Konzepte der (sozialistischen und kapitalistischen) Nachkriegsmoderne, die vielfach begrünte, offene Stadtlandschaft mit ihren großräumigen und verkehrsgerechten "Magistralen", ausmerzen will. Die antimoderne Zielrichtung des Rekonstruktionsbegehrens zeigt sich insbesondere, wenn moderne Bauten wie selbstverständlich historisierenden Denkmalattrappen weichen müssen, andererseits jeglicher Sinn für Erhaltung und Pflege herausragender Gebäude und Stadträume der ihrerseits schon "historisch" gewordenen Nachkriegsmoderne fehlt. Aber es mangelt auch am Bewusstsein für deren ästhetische Qualitäten. Stattdessen wird mit unreflektierten Begriffen von "Schönheit" und "Hässlichkeit" eine emotionale Hetze gegen die Moderne betrieben, die – etwa im Falle des Schimmelpfenghauses von Sobotka und Müller am Berliner Breitscheidplatz 2009 – sogar den Abriss denkmalgeschützter Bauten erleichtert. Der zerstörerische Umgang mit dem jüngsten Architekturerbe erweist sich bei näherem Hinsehen als Kehrseite jener Retrokultur, die nostalgische Kulissen einer vermeintlich schöneren und besseren Welt errichtet.
Das Projekt, Schinkels wunderbare Bauakademie auf dem Friedrichswerder (1835, 1962 Abriss der Ruine) durch Rekonstruktion ihrer Fassaden ins Leben zurückzuholen, muss letztlich paradox erscheinen, verkörperte sie doch damals in größtmöglicher Kongruenz von Bautechnik und Ästhetik den modernsten Stand der preußischen Baukultur. Darauf, dass Baukultur eine „Fortsetzung der Geschichte zulassen“ müsse, kam es aber Schinkel immer an. Gerade Schinkel, der "nichts abgeschlossenes Historisches wiederholen" wollte, sondern sich – wie es Wolfgang Hardtwig in der Historismusdebatte der 1970er-Jahre formulierte – durch die Neuinterpretation der tradierten Vorbilder "in selbstbewussten Gegensatz zum Vergangenen" stellte, forderte die Architekten unmissverständlich auf, "… das rechte und gerade der Kunst notwendige Mehr in der Welt, wenigstens für die nächste Zeit zu finden". Soll der Neubau der Bauakademie, wie von den Initiatoren geplant (und womöglich unter tätiger Mitwirkung der TU Berlin) wieder zum Ort und Symbol der Baukultur des 21. Jahrhunderts werden, so ist dies nicht anders denkbar als in Form einer "kritischen" Rekonstruktion, die die Erinnerung an das untergegangene Meisterwerk in einem neuen, zeitgenössischen Werk der Baukunst "aufhebt".

Bei Phantomschmerz: Erinnerungsarchitektur auf Rezept

Nostalgischer Augentrost: Dresdner "Business-Barock" am Neumarkt, 2002 bis 2010
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Einen "Phantomschmerz" können nicht nur die Zeitzeugen einer Denkmalvernichtung empfinden, sondern auch jene Nachgeborenen, die sich über eine empathische Verlustkonstruktion selbst in die Erben- und Verlustgemeinschaft einreihen (Gabi Dolff-Bonekämper, TU Berlin). Die Sehnsucht, historische Orte zu markieren und verschüttete Erinnerungen zu wecken, kann deshalb nicht einfach durch ein Rekonstruktionsverbot unterdrückt werden. Vielmehr ist auf eine andere Kulturtechnik, auf kreativere Möglichkeiten der Verlustkompensation hinzuweisen. Dies war auch das Ergebnis des erkenntnistheoretisch argumentierenden Vortrags des Philosophen Günter Abel (TU Berlin) auf der Züricher Tagung zum Thema Rekonstruktion 2008: Zu befinden sei gar nicht über "Rekonstruktionen", sondern lediglich über "Konstruktionen", das heißt über neue Setzungen und die ihnen eingeschriebenen Zwecke. Eine intelligente "Architektur der Erinnerung" ist ein längst vielfach praktizierter – aber heute eher verdrängter Ausweg aus dem Dilemma.

Schon in der Modernisierungseuphorie des Wiederaufbaus in den 1950er-Jahren gab es vielfältige Ansätze, charakteristische Konfigurationen der zerstörten Altstädte als Erinnerungspotenzial in einer abstrahierenden, neue Bedürfnisse integrierenden Form wiederaufzubauen. Oft zitiert wird das Beispiel des Prinzipalmarktes in Münster (1946–1960), dessen zerstörte Renaissance-Giebelhäuser stark vereinfacht wurden, um durch Ähnlichkeit bei gleichzeitiger Differenz den zentralen historischen Platzraum der Stadt wiedererkennbar zu artikulieren. Der Wiederaufbau Neubrandenburgs wird 1955 bereits als "kritische Verarbeitung und Weiterentwicklung des wertvollen Baukulturerbes bei der Gestaltung dieser neuen Stadt" (Erich Brückner) kommentiert. Der erst in den späten 1970er-Jahren von Hardt-Waltherr Hämer und Joseph Paul Kleihues geprägte Begriff der "kritischen Rekonstruktion", der in der Debatte um das "steinerne Berlin" der späten 1990er-Jahre zu einer abwertenden Stilbezeichnung für hausteinverkleidete Gleichförmigkeit längs des Blockrandes verkam, knüpft an diese Tradition an. Er wurde erst im Vorfeld der Internationalen Bauausstellung (IBA) 1984/87 zu einem durchdachten städtebaulichen Sanierungskonzept erhoben. Dazu gehörte neben der in erster Linie sozialen Reparatur und der Rücksicht auf die historischen Strukturen auch der Respekt vor den Setzungen der Nachkriegsmoderne, selbst wo sie den historischen Stadtgrundriss konterkarieren: "Denn die Moderne ist ein Stück unserer Lebens- und Kulturgeschichte, und damit müsste sich ein Konzept von Geschichtlichkeit, das sich nicht seinerseits wieder charakteristischen Verdrängungen unterstellen will, nicht nur die komplex und widersprüchlich organisierte Überlieferung, sondern auch den modernen Protest gegen die Tradition bewußt halten […] Deshalb das Attribut kritisch, denn es kann und darf – relativ oder auch nur im übertragenen Sinne – nicht um die Rekonstruktion eines status quo ante gehen […] Die kritische Rekonstruktion versucht lediglich, aus dem Bewußtsein der Krise nicht resignativ in heile Welt zurückzuflüchten …" Es gehe im Einzelfall um das "Durchscheinenlassen von Vergangenheit in aktueller, Neues suchender Formgebung" einschließlich des „möglichst unverkrampfte[n], respektvoll spielerische[n] Umgang[s] mit geschichtlichen Spuren“ (Josef Paul Kleihues).

In der reproduktiven Erinnerungsarchitektur im Sinne "kritischer Rekonstruktion" bewähren sich Spielarten der architektonischen Postmoderne, deren Zitierlust ohne einen konkreten Spannungsbogen zur Geschichte und zur historischen Identität eines Ortes meist ins Beliebige und Belanglose abzusinken droht. Am Neuen Markt in Potsdam sollte beispielsweise ein noch dichtes friderizianisches Bauensemble wieder geschlossen werden. Hier entstand 1999/2000 eine im Detail relativ getreue, jedoch durch Inversion verfremdete Barockfassade, die sich mit dem gläsernen "Grund" hinter der historischen Gliederung als Gegenwartsbau deutlich zu erkennen gibt. Wolfgang Schäche lobte die "…geradezu exemplarische Auseinandersetzung mit der Restitution nicht mehr existierender Gebäude … Indem die Architektin [Nicola Fortmann-Drühe] den zerstörten Vorgängerbau thematisch aufgreift und seine an Palladios Palazzo Thiene orientierte Fassadengestaltung als vorgesetzte Schale kompromisslos in den Neubau mit einbezieht, gelingt ihr eine beeindruckende Verbindung von geschichtlichem Widerschein und gegenwärtiger Architektur …" Vom "nostalgischen Augentrost" des jüngsten „Business-Barock“ am Dresdner Neumarkt kann man dies wahrlich nicht behaupten.

Zu den eingeforderten "minima moralia" im Umgang mit verlorenen Baudenkmälern gehört die Einsicht, dass die Differenz der Tätigkeit des Rekonstruierens eingeschrieben ist und dass deshalb auch die Gestalt des Werkes, das in einem Prozess des Erinnerns zurückgewonnen werden soll – wenn vielleicht auch nur auf subtile Weise –, eine bewusst andere sein muss. Wenn also in unserer Zeit – aus welchen Gründen auch immer – "Erinnerungsarchitektur" gebraucht wird, dann sollte diese gerade nicht naiv versuchen, mit allen Mitteln historische Authentizität vorzutäuschen, sondern sich als reflektierte Auseinandersetzung mit dem verlorenen Monument, seiner Geschichte und Bedeutung zu erkennen geben. In kritischer Reflexivität (und selbstverständlich im entsprechenden künstlerischen Vermögen) der Architekten liegt die baukulturelle Herausforderung der Gegenwart.

Von Adrian von Buttlar / Quelle: "TU intern", 12/2010

Der Autor

Adrian von Buttlar
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Prof. Dr. Adrian von Buttlar lehrt Kunstgeschichte am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der TU Berlin. Er ist Dekan der Fakultät I Geisteswissenschaften. Seit 2008 ist er Vorsitzender des Kuratoriums des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, München. Von 2001 bis 2008 war er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und von 1996 bis 2009 Vorsitzender des Landesdenkmalrates Berlin. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der Gartenkunst, zur Architekturgeschichte der Neuzeit und Moderne sowie zur Denkmalpflege und Denkmalpolitik publiziert. Zuletzt ist von ihm der Band "Neues Museum Berlin – Architekturführer" erschienen, der auch ins Englische, Italienische und Spanische übersetzt worden ist.

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