direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Forschung

Blühende Landschaften

„Grüne Chemie“ eröffnet Chancen für eine „Chemiewende“ und für Gründungswillige

Nachgefragt bei ...

… Prof. Dr. Matthias Drieß

Professor für Metallorganische Chemie und Anorganische Materialien an der TU Berlin sowie Sprecher des Exzellenz-clusters für Katalyseforschung „UniCat“

Der Chemiker und Katalyseforscher Matthias Drieß setzt sich auch dafür ein, die Studierenden der Naturwissenschaften früh auf das Thema Gründung aufmerksam zu machen
Lupe

Herr Drieß, wird die „Grüne Chemie“ das Image der Chemie wandeln?
Davon bin ich überzeugt, denn sie wird auch eine „Chemiewende“ einleiten. Klima- und Umweltschutz oder Abfall-Recycling verlangen heute umweltschonendere, nachhaltigere Prozesse. Die „Grüne Chemie“ hat den Namen durch ihre systemische, ökologische Herangehensweise. Sie betrachtet das Gesamtsystem von der Herstellung bis zum „Danach“, zum Recycling eines Stoffes. Sie fordert, bei allen chemischen Prozessen bereits in der Vorbereitung den gesamten Lebenszyklus der verwendeten Stoffe zu berücksichtigen, auch der Abfallprodukte. Schon in der Reaktionsplanung stellt sie also Fragen wie: „Kann man als Reaktionsmedium für eine Stoffumwandlung Wasser nehmen statt Benzol oder Ether? Kann man Stoffe vermeiden, die später in der Nahrungskette, im Trinkwasser, in der Atmosphäre nachfolgende Probleme verursachen, dort verbleiben oder aufwendig entfernt werden müssen? Je weniger Schadstoffe also von vornherein eingesetzt werden, desto leichter und rentabler ist der abschließende Reinigungsprozess und desto umweltverträglicher das gesamte Verfahren.

Das klingt logisch und einfach. Warum kommt man jetzt erst darauf?
Klingt einfach, ist es aber nicht. Auch in der Katalyse müssen „grüne“ Verfahren ja vielfach erst entwickelt werden. In unserem Exzellenzcluster UniCat haben wir die Grundlagen gelegt, die einzelnen Schritte für katalytische Prozesse betrachtet und analysiert und können solche, ökologisch betrachtet, drastisch verbessern. Daraus können wir nun in einem zweiten Schritt kreative und innovative Verfahren im Sinne einer „Grünen Chemie“ entwickeln, zum Beispiel für die Medikamenten- oder Materialienherstellung.

Was verursacht besondere Probleme beim Recycling?
Im Alltag kommen sehr viele Kunststoffe vor, beispielsweise Silikone: Kosmetika, Implantate, Plastikschüsseln, Küchengeräte und vieles andere. Sie enthalten künstliche, mit hohem Aufwand und durch hohen Druck und hohe Temperaturen mit enormem Energieverbrauch hergestellte Organosiliciumverbindungen, die in der Natur nicht vorkommen und für die die Natur also auch keinen Abbaumechanismus kennt. Was aus dem Haushalt auf den Müll kommt, bleibt also sehr, sehr lange in der Welt. Dies durch pfiffige katalytische Reaktionen in Wasser abzubauen, ist ein wichtiges Ziel. Auf den Weltmeeren schwimmen heute rund 250 Millionen Tonnen Verpackungsmaterial aus Polyethylenen – eine unerträgliche Belastung für Umwelt und Nahrungskette. Wir brauchen weit mehr Verfahren, um die bereits vorhandenen Problemstoffe wieder aus der Welt zu schaffen, sie zum Beispiel in kleinere Bausteine zu zerlegen und einer Wiederverwertung zuzuführen. Ein wichtiges Ziel ist die rigorose Durchsetzung von umweltschonenderen Verfahren für leichter abbaubare Polymere, die nach dem Recycling zum Beispiel auch in der Düngemittelproduktion Verwendung finden können. Besonders im Fokus steht dabei, Polymere aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen und leicht abbaubar zu machen, ohne mit der Nahrungsmittelproduktion zu konkurrieren. Wir untersuchen in UniCat neue katalytische Wege, um aus organischen Rückständen von Pflanzen neue polymere Materialien zu machen. Wenn dies ressourcenschonend und effizient gelingt, dann schützt das Umwelt und Klima – wie es die Natur auch macht.

Der chemischen Industrie wird ja vorgeworfen, weniger die Umwelt als vielmehr den Rentabilitätsgedanken in den Vordergrund zu stellen.
Das ist sehr pointiert gesagt: Natürlich ist das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Industrie groß, aber es muss auch Geld verdient werden. Das größte Hemmnis ist vielmehr die fehlende Akzeptanz von Neuentwicklungen in der etablierten Industrie, weil das mehr Investitionen verlangt und Kunden für das gleiche Produkt mehr bezahlen müssen. Da ist dann die Politik gefragt, die für das Große und Ganze verantwortlich ist und klare Vorgaben machen muss. Auch wenn das weiter aufgeschoben wird, wir werden nur Erfolg haben, wenn wir nach umweltverträglicheren und zugleich rentablen Verfahren suchen, wobei die Ökologie im Vordergrund stehen muss. Viele tolle Ideen aus den Naturwissenschaften kommen nicht in die praktische Anwendung, weil die Risikobereitschaft der Industrie nicht sehr hoch ist. Man muss also jungen Erfindern ermöglichen, in einer Nische mit ihren frischen Ideen ein eigenes Unternehmen zu gründen und potenzielle Kunden zu finden. Dafür fehlt es derzeit noch an Infrastrukturen.
Den „Spirit“ haben wir allemal in UniCat mit der angeschlossenen Graduiertenschule BIG-NSE, doch die gut ausgebildeten Leute mit den zündenden Ideen verlieren wir später, weil es in Berlin kaum Laborplätze für die Vorgründerphase gibt und auch chemische Industrie rar ist. Durch die fehlende Infrastruktur zur Sondierung einer chemischen Ausgründung wird es verpasst, zukünftige gut bezahlte Arbeitsplätze zu generieren. Eine Superidee wäre ein Inkubatorzentrum, ein Raum in der Art einer „Factory“, wo man von der Idee über die Marktanalyse bis zur Erprobungsphase diese sogenannte „Vorgründerphase“ durchleben kann. Für so etwas ist eine Universität, an der ein erfolgreicher Exzellenzcluster wie UniCat seit fast zehn Jahren besteht, eine besonders gute Geburtsstätte. Dort sind vielfältige Expertise, Analysenmethoden, kurze Wege und disruptive Ideen zu Hause.

Die TU Berlin hat ja bereits ein erfolgreiches Centre for Entrepreneurship …
Ja, die Entrepreneur-Betreuung hier ist exzellent. Aber es fehlen für Chemiker die Labore. Die sind natürlich teuer und brauchen auch viel Platz. Man bräuchte also einen Gebäudekomplex, in dem Beratung, Labore und Büros integriert sind, ausreichend für eine kritische Masse an Leuten, die notwendig ist, damit der Austausch stattfinden kann. Das Potenzial haben wir allemal. 60 Prozent der deutschen Start-ups aus dem Chemiebereich sind jetzt schon in Berlin ansässig, weil die hiesigen Universitäten exzellente Absolventen hervorbringen und in einzelnen Laboratorien einige Kollegen der Berliner Unis in der Inkubationsphase Hilfe leisten. Da muss aber noch weit mehr Kapazität zur Verfügung gestellt werden. Derzeit verlieren wir ja nicht nur Gründungswillige, die Berlin oder sogar Deutschland den Rücken kehren, sondern auch noch die guten Ideen. Von denjenigen nämlich, die in die etablierte Industrie gehen, die sich wiederum vor allem die bereits im Portfolio vorhandenen und vielleicht verbesserten Verfahren herausgreift und in den Schubladen verschwinden lässt. Mit einem Vorgründerzentrum für chemische Start-ups können wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und den Grundstein für eine blühende Landschaft von produzierenden Ausgründungen legen.
    
Das Gespräch führte Patricia Pätzold

Patricia Pätzold, "TU intern" 16. Dezember 2016

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Piwik für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.