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TU Berlin

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Wie mit der Generation Walkman das Musikhören revolutioniert wurde

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Medieninformation Nr. 291/2013

Studie der TU Berlin untersucht den musikalischen Medienalltag der Deutschen

Radio, MP3 oder online? Zu Hause oder unterwegs? In einer neuen Studie, die das Fachgebiet Audiokommunikation der TU Berlin durchgeführt hat, wurden bundesweit 2000 Personen danach gefragt, wie und mit welchen Geräten sie Musik hören. Die gewonnenen Daten sind weltweit einmalig: Zum ersten Mal wurde das alltägliche Musikhören so umfassend und detailliert untersucht.

Das TU-Fachgebiet Audiokommunikation bringt das Projekt „Survey Musik und Medien“ in das Schwerpunktprogramm „Mediatisierte Welten“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein. Vom 1. Oktober 2012 bis 10. September 2014 wird es durch die DFG mit rund 170.000 Euro gefördert. In der Studie wurde unter der Leitung von Dr. Steffen Lepa und Prof. Dr. Stefan Weinzierl der musikalische Medienalltag und seine Entwicklung untersucht: Wie hat sich das Musikhören im Laufe der Zeit verändert, und wohin gehen die Trends? Was erwarten die Menschen von den Technologien? Welche Rolle spielen Digitalisierung und Mobilität der Medien? Die Ergebnisse zeigen, dass die Art des Musikhörens, zum Beispiel ob man Lautsprecher oder Kopfhörer benutzt, vor allem eine Generationenfrage ist. Der Walkman aus den 1980er-Jahren, so zeigt die Studie unter anderem, bekommt zentrale Bedeutung, denn er ermöglichte es, dass Musik zur täglichen Begleiterin wurde.

Mit der Generation von 1968 entwickelte sich das mobile Musikhören

„Ganz zentral ist die Erkenntnis, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation, sehr stark mit der Art des Musikhörens zusammenhängt“, sagt Projektleiter Dr. Steffen Lepa. „Die Varianzen in der Nutzung können wir zur Hälfte allein über den Jahrgang erklären.“ Das Geburtsjahr ist einer von elf Faktoren, die als Personendaten erfasst wurden. Die anderen Variablen wie Einkommen, Bildung und Geschlecht liegen in der Relevanz weit dahinter.

Das Geburtsjahr 1968 markiert eine Zäsur: Mit dieser Generation entwickelte sich das mobile Musikhören. „Wir haben nicht vermutet, dass es sich so klar abzeichnet, dass oberhalb einer bestimmten Altersstufe nur mit Lautsprechern und erst unter dieser Stufe dann auch mit Kopfhörern Musik gehört wird“, betont Prof. Dr. Stephan Weinzierl. In den frühen 1980-Jahren, als diese Generation in der Adoleszenz war, kamen einige Faktoren zusammen: „Der Walkman wurde salonfähig und hat ermöglicht, dass man unterwegs Musik hören konnte. Musik war dann kein Ort der Inszenierung mehr, an dem man Platz nimmt und den man einrichten muss. Vielmehr ist sie zur täglichen Begleiterin geworden.“ Auch die Reproduzierbarkeit von Musik habe sich Anfang der 1980er-Jahre verbreitet, ergänzt Steffen Lepa. „Plötzlich konnte jeder mit einem günstigen Kassettengerät mit seinen Freunden Musik tauschen und Platten überspielen“, sagt er. „1976 hatte die Kompaktkassette einen breiten Markt erobert, 1982 galt dies für den Walkman, und 1984 wurde die CD auf den Markt gebracht“, fasst Stephan Weinzierl zusammen.

Der Umbruch in der Art des Musikhörens mit der Generation von 1968 zeigt sich auch darin, dass die früheren Jahrgänge weniger in der Art der Tonträger oder Geräte variieren. „Viele benutzen vor allem das Radio, ein bisschen noch CDs und ein paar wenige auch Schallplatten. Das war es schon. Aber diejenigen, die in den frühen 1980er-Jahren jung waren, und anschließende Generationen, kombinieren und hören auf viele unterschiedliche Weisen Musik“, erklärt Steffen Lepa. Es gibt eine große Bandbreite: Sie benutzen Analoggeräte, Stereoanlagen, mobile Player, Computer, Kopfhörer, Aktivboxen und digitale Angebote wie zum Beispiel Internetradio. Auch wenn sich die Nutzer ab dieser Generation vieler Möglichkeiten bedienen, ist die Medien- und Gerätewahl insgesamt bei den Befragten eher klassisch.

Radio statt Spotify – klassische Medien- und Gerätewahl

Die Medienwahl für das Musikhören ist in dem Jahr der Befragung 2012 insgesamt relativ konventionell, zeigen die Forschungsergebnisse. Am meisten wird das Radio als Audioquelle benutzt: 66 Prozent der Befragten hören täglich, weitere 18 Prozent hören wöchentlich oder monatlich über das Radio Musik. Sehr viel im Gebrauch sind außerdem Original-CDs: 42 Prozent benutzen sie jeden Tag, 19 weitere Prozent mindestens einmal in der Woche oder einmal im Monat. An dritter Stelle rangieren Videostreaming-Anbieter wie Youtube oder Vimeo als Musikquelle.

Streaming- oder Cloud-Angebote, mit denen Audiodateien von Online-Datenbanken abgespielt werden können, würden in der Öffentlichkeit groß dargestellt und auch die Wissenschaft widme sich gern vor allem solch neuen Phänomenen, erklären die TU-Wissenschaftler. Die Realität in deutschen Haushalten sieht laut der TU-Studie im Jahr 2012 aber ganz anders aus. Steffen Lepa macht es an den Umfrageergebnissen deutlich: „Internetradio wird relativ häufig gehört. Aber Streaming-Angebote wie Spotify werden wenig genutzt. Die Schallplatte und die Kompaktkassette schneiden da wesentlich besser ab.“ Auch die Gerätewahl ist eher klassisch: Analoge Radios und HiFi-Anlagen sind am weitesten verbreitet. Moderne Endgeräte wie Home Media Center, Tablet PC oder E-Book-Reader spielen laut der Ausführungen von Dr. Lepa für das Musikhören noch eine vergleichsweise geringe Rolle.

Parallel zu der eher konventionellen Medien- und Gerätewahl lesen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Tendenz zur Vernetzung der Haushaltgeräte aus den Daten ab. So jedenfalls begründen sie, dass inzwischen relativ viel über den Fernseher Musik gehört wird, obwohl die internen Lautsprecher des TV-Geräts starke Qualitätseinbußen mit sich bringen. 39 Prozent der Befragten gaben an, dass sie täglich oder wöchentlich so Musik hören. Weitere fünf Prozent immerhin mindestens einmal im Monat.

Die Nutzer „hängen“ an den Hörgewohnheiten aus ihrer Jugend

Die Ergebnisse der Studie legen die Schlussfolgerung nahe, dass jede Generation an den Medien beziehungsweise den Hörgewohnheiten „hängt“, die sie in ihrer Jugend und im frühen Erwachsenenalter entwickelt hat. Die Forscher beziehen sich dabei auf die „Generationentheorie“ des Soziologen Karl Mannheim. Von Beginn der Jugend bis zum Anfang des Erwachsenenalters habe man die „formativen Jahre“, in denen sich beispielsweise der Musikgeschmack ausbilde. Dieser erfahre zwar im Laufe der Jahre noch leichte Veränderungen, aber im Grunde bliebe man bei „seiner“ Musikrichtung, weiß Steffen Lepa und verweist auf einschlägige Studien.

Die Erkenntnisse über die Rolle des Walkman zeigen, dass dieses Modell auch auf die Gewohnheiten des Musikhörens passen kann. So erläutert Steffen Lepa: „Diejenigen, die den Walkman benutzt haben, entwickelten das Bedürfnis nach mobilem Musikgenuss. Es hat sich im so genannten ‚Habitus‘ festgesetzt, der das Verhalten entscheidend prägt.“ Da der Walkman heute nicht mehr verfügbar sei, wählten die Nutzer nun andere Geräte, mit denen sie unterwegs Musik hören können. Prof. Dr. Stefan Weinzierl sagt: „Unterhalb des Habitus verändern sich die Technologien. Was anfangs der Walkman war, ist später der MP3-Player und noch später das Smartphone.“ Die „Radiogeneration“ hingegen habe dementsprechend selten das Bedürfnis nach mobilem Musikkonsum und den dafür benötigten Endgeräten.

Das Fazit von Prof. Dr. Stefan Weinzierl zu diesem Phänomen lautet: „Ich denke, dass dies in der Geräteentwicklung oft vernachlässigt wird. Eine neue Technologie schaffen sich nicht alle an, nur weil sie auf einmal da ist. Wir können nun ganz gut zeigen, dass unser Medienverhalten nicht technologiegetrieben ist, sondern von einem milieubezogenen, generationalen Habitus abhängt. Mit neuen Technologien erreicht man zunächst fast nur Leute unter 20 Jahren. Wenn auch andere angesprochen werden sollen, muss die neue Technologie die alte in ihrer Kernfunktion ersetzen und die Erwartungen der Nutzer erfüllen.“

Die umfangreichen Studienergebnisse von „Survey Musik und Medien“ zeigen bis ins Detail, wer wie in Deutschland Musik hört. Mit zweistündigen qualitativen Interviews wird unter der Federführung von der Soziologin Anne-Kathrin Hoklas von der TU Berlin derzeit auch der alltagspraktische Sinn und die Bedeutung der Musiktechnologien für die Nutzer untersucht. Dazu gehört auch die Frage, ob die Prägephase der „formativen Jahre“ als Ursache für die verschiedenen Hörgewohnheiten beim Musikhören weiter bestätigt wird. Gleichzeitig wird eine Erweiterung der Studie in Form eines Längsschnittspanels bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft beantragt, welches die weitere Entwicklung der Audionutzung in den kommenden drei Jahren untersuchen soll. Davon versprechen sich die Forscherinnen und Forscher Aufklärung unter anderem darüber, ob die Deutschen zunehmend die neuen digitalen Streamingdienstleistungen zum Musikhören in den Alltag integrieren werden.

Projekthomepage mit weiterführenden Informationen: www.surveymusikundmedien.de

jb

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Dr. Steffen Lepa
TU Berlin
Fakultät I Geisteswissenschaften
Institut für Sprache und Kommunikation
Fachgebiet Audiokommunikation
Tel.: 030/314-29313
Mobil: 0179-4562244

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